Dienstag, 3. Mai 2016

TTIP oder die totale Verblödung der politischen Debatte

Nun hat also Greenpeace angeblich "geheime" Verhandlungspapiere geleaked, wie es so schön auf Neudeutsch heisst. Eine Riesenüberraschung! Die politischen Kommentarspalten kochen! TTIP jetzt endgültig am Ende! Was steht wirklich drin? Absolut nichts neues, altbekannte Verhandlungspositionen der US-Regierung und der EU werden durchdekliniert, die keinerlei Überraschungen bieten. Die Vereinigten Staaten möchten gerne auch genetisch modifizierte Pflanzen exportieren, die EU möchte an ihren "Standards" festhalten. Die Vereinigten Staaten möchten dafür ihre öffentlichen Aufträge nicht an europäische Firmen vergeben, die EU fordert aber diese Möglichkeiten usw. usf. Alter Wein in alten Schläuchen.

Die ganze Debatte um TTIP zeigt exemplarisch, wie komplett verblödet und verschoben die politische Debatte zwischen "Linken" und "Rechten" inzwischen ist. Derzeit ist die EU Millionen Lichtjahre von echtem Freihandel entfernt. Man lese einfach mal die anzuwendenden abertausenden von Zollvorschriften und sonstigen Richtlinien, Erlasse, Gesetze, Anti-Dumping-Zöllen, Standards etc., die den freien Import von Gütern und Dienstleistungen in die EU verunmöglichen und erschweren. All das ist blanker Protektionismus. Allen voran für die Landwirtschaft aber auch für fast jede andere Branche. Nicht der Konsument entscheidet in Europa, was und für welchen Preis er oder sie konsumiert, sondern Bürokraten, Lobbyisten, NGOs und weiss der Teufel welche Interessengruppen noch am protektionistischen Spiel beteiligt sind. Nicht ich als mündiger Bürger darf darüber urteilen, ob ich genoptimierte Pflanzen zu mir nehmen will, billigen Stahl aus China verwenden möchte oder einen Arzt in Indien per Internet konsultiere. Nein, Vater Staat nimmt mir freundlicherweise all diese Entscheidungen ab. Die höheren Kosten für Zölle oder alternative Produkte oder Leistungen trage ich natürlich selbst.

TTIP würde diese Situation möglicherweise in kleinsten Schritten verbessern (bilateral auf die USA und die EU beschränkt - über den Rest der Welt redet sowieso keiner, für die spendet der aufrechte Sozialdemokrat dann wieder an Weihnachten). Sicherlich ist TTIP daher nicht falsch, aber weit davon entfernt echten Freihandel zu ermöglichen. Man mache sich keine Illusionen: 99% der Freihandelshemmnisse würden bestehen bleiben. Um dieses ganze eine Prozent geht der Streit. Eine komplette Lächerlichkeit. Es ist abstossend zu sehen, wie sich NGOs, Lobbyisten, Politiker, angebliche Umweltschützer und Agrarfunktionäre aufblasen, um vom "Allgemeinwohl" zu schwadronieren, dabei geht es  im Kern nur darum die Partikularinteressen einzelner Gruppen zu schützen - seien dies Bauern, Stahlarbeiter, Pharmabosse oder öffentliche Bedienstete. Und es komme mir keiner damit, wie grossartig und toll die europäischen "Standards" sind. Die sind so grossartig, dass der Staatskonzern Volkswagen sie über Jahre hinweg bei den Abgaswerten einfach betrügerisch und ungestraft unterlaufen konnte und erst eine amerikanische Behörde kam den sauberen Europäern auf die Spur. Grossartige Standards.

Freihandel war der Schlüssel zum ökonomischen Aufstieg Europas und der Vereinigten Staaten im 18. und 19. Jahrhundert. Zunehmender Protektionismus - gefördert und gefordert von linken und grünen Politikern Hand in Hand mit Bauernlobby und Co. - ist das sichere Rezept zum weiteren Abstieg.

Donnerstag, 21. April 2016

Wie der Staat Drogen nutzte, um die Antikriegsbewegung und Schwarze zu unterdrücken

Ein interessanter Auszug aus einem aktuellen Artikel in "Scientific American" zum Thema des Verbotes von Marijuana und desssen gravierende Folgen:

"Nixon aid John Ehrlichman told journalist Dan Baum in 1994, according to an article published in Harper’s Magazine in 2016. “The Nixon campaign in 1968, and the Nixon White House after that, had two enemies: the antiwar left and black people. You understand what I’m saying? We knew we couldn’t make it illegal to be either against the war or black, but by getting the public to associate the hippies with marijuana and blacks with heroin, and then criminalizing both heavily, we could disrupt those communities. We could arrest their leaders, raid their homes, break up their meetings and vilify them night after night on the evening news. Did we know we were lying about the drugs? Of course we did.”

Mittwoch, 27. Januar 2016

Von wegen Ungleichheit - Wie der Wohlstand für Durchschnittsbürger seit Jahrzehnten wächst

In den letzten Tagen durfte man wieder eine Menge Schlagzeilen lesen, die die angeblich wachsende Ungleichheit zwischen "arm" und "reich" in Deutschland und in der ganzen Welt geisselten. Oxfam prangerte da an, dass weltweit die 62 reichsten Personen soviel besitzen würden wie die halbe Weltbevölkerung. Aber auch in Deutschland sei die Ungleichheit immer weiter auf dem Vormarsch, wie der Focus vermeldete.

Natürlich sind diese ganzen Erhebungen und statistischen Analysen methodisch extrem fragwürdig. So bezieht etwa die Oxfam-Studie nettoverschuldete Haushalte als Teil der ärmsten Hälfte der Bevölkerung ein - mit dem absurden Ergebnis, dass etwa ein Harvard-Student, der ein hohes Studiendarlehen aufgenommen hat zu den Ärmsten dieser Welt gerechnet wird, und das trotz exzellenter Berufsaussichten und zukünftig sehr hoher Einkommensströme. Oder anderes gesagt: Mein 7-jähriger Sohn mit einem Sparschwein-Nettovermögen von 20 Euro ist schon reicher als ein Drittel der Weltbevölkerung.

Man könnte hier jetzt noch weiter argumentieren uns sinnieren, z.B. über die Frage, inwiefern staatliche Rentenansprüche oder zukünftige Erbschaften  wirklich unberücksichtigt bleiben sollten und somit das verzerrte Bild einer massiv ungleichen Reichtumsverteilung in Deutschland entsteht.

Doch darum geht es mir heute nicht. Nehmen wir einmal an, dass es tatsächlich eine wachsende Ungleichheit bei den Vermögen und Einkommen gäbe. Wäre dies denn an sich schlimm? Oder geht es nicht im Kern darum, ob für die Mehrheit der Bevölkerung der objektive Wohlstand in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist? Doch wie kann man Wohlstand tatsächlich sinnvoll messen und vergleichen?

Ich habe mir einmal den Spass gemacht und virtuell einen alten Neckermannkatalog (nämlich den von 1970) hervorgekramt. Dann habe ich anhand des vom statistischen Bundesamt jährlich berechneten Durchschnittsentgeltes recherchiert, wie hoch der stündliche Bruttolohn eines Arbeitnehmers in 1970 lag. Nämlich genau bei 6.67 DM (Bruttojahresentgelt geteilt durch 2000 Arbeitsstunden pro Jahr). Im Jahre 2015 lag der durchschnittliche Stundenlohn laut Statistik bei 14.94 Euro. Wenn man bedenkt, dass die Arbeitszeiten in 1970 länger und die Zahl der Urlaubstage geringer war, ist die Rechnung sicher für das Jahr 1970 eher optimistisch und für 2015 eher pessimistisch, da der gleiche Teiler von 2000 Jahresarbeitsstunden verwendet wurde. Steuern und Lohnnebenkosten bleiben unberücksichtigt - liegen sicher heutzutage aber deutlich höher als 1970.

Im nächsten Schritt habe ich mir einige Güter des täglichen Lebens aus dem Neckermannkatalog ausgesucht und berechnet, wie viele Stunden der durchschnittliche Arbeitnehmer dafür arbeiten musste. Verglichen wurde jeweils mit einem ähnlichen (wenn auch in vielen Fällen technisch weit überlegenen Produkt von Amazon.de, Stand heute).

Arbeitsaufwand pro Konsumgut

Produkt                              Arbeitsstunden: 1970                            2015

Farbfernseher                    239  (1598 DM)                                   20 (299 EUR)

Herrenoberhemd                6.5 (43 DM)                                         2.5 (37 EUR)

Fahrrad (Bonanza)            28.4 (189 DM)                                     12.6 (189 EUR)

Plattenspieler                   25.3 (169 DM)                                     9.3 (139 EUR)
                                                                                              (Kompaktanlage)

Die Reihe könnte man endlos fortsetzen: Autos, Lebensmittel, Reisen, ja sogar Mieten erforderten 1970 viel höheren Arbeitsaufwand als 2015! Praktisch alle gängigen Konsumgüter und Dienstleistungen mussten im Jahre 1970 viel härter erarbeitet werden. Der Arbeitsaufwand lag in Stunden mindestens doppelt so hoch, teilweise aber auch zehnmal so hoch wie 2015. Und wir reden hier über den statistischen Durchschnittsverdiener. Dieser Vergleich zeigt, dass es kompletter Unsinn ist, dass der Mittelstand in Deutschland seit Jahrzehnten immer ärmer wird. Im Gegenteil - der Wohlstand für den Otto-Normalbürger hat sich seit 1970 vervielfacht. Zusätzlich gilt es zu bedenken, dass die Qualität der Produkte heute um ein vielfaches besser ist als 1970: Farbfernseher gegen Flatscreen, Plattenspieler gegen Hifi-Kompaktanlage, Herrenoberhemd aus synthetischer Faser gegen hochwertiges Baumwollhemd etc. etc.

Es ist die Marktwirtschaft und der technische Fortschritt, welche dieses Produktivitätswunder erst ermöglicht haben.  Untergangspropheten, Armutsbeschwörer und linke Umverteilungsfantasten liegen schlicht falsch. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Unser Wohlstand ist in den letzten 45 Jahren drastisch gewachsen.

Sonntag, 24. Januar 2016

Wie technischer Fortschritt Preise fallen lässt

Kosten für Datenspeicherung von 1 GB:

1981 $300K
1987 $50K
1990 $10K
2000 $10
2004 $1
2012 $0.10
2015 FREE 15GB —Google Drive


Source: https://twitter.com/ValaAfshar

Sonntag, 1. November 2015

Was man sieht und was man nicht sieht

"Im Bereich der Ökonomie ruft eine Handlung, eine Gewohnheit, eine Einrichtung, ein Gesetz nicht nur eine einzige Wirkung hervor sondern eine Reihe von Wirkungen. Von diesen Wirkungen ist nur die erste direkt, sie zeigt sich gleichzeitig mit ihrer Ursache, man sieht sie. Die anderen entwickeln sich erst nach und nach, man sieht sie nicht; glücklich wenn man sie vorhersieht.
Dies ist der ganze Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Ökonomen: Der eine klebt an der sichtbaren Wirkung, der andere berücksichtigt sowohl die Wirkung, die man sieht, als auch diejenige, die man vorhersehen muss." (Quelle: Frédéric Bastiat, "Was man sieht und was man nicht sieht")

 Dies ist die Essenz jeder guten Wirtschaftswissenschaft, ja jeder guten Sozialwissenschaft im allgemeinen: Sichtbar zu machen, welche Effekte eine menschliche Handlung, ein Gesetz, eine Vorschrift haben. Auch solche Effekte, die man nicht unmittelbar sieht oder bemerkt, auch solche Folgen, die erst in der Zukunft auftreten werden und auch jene Konsequenzen, die darafu beruhen, dass Dinge nicht geschehen werden.

Die zweifelhaften Methoden der WHO zur Verunglimpfung der Wurst

Wurst verursacht Krebs! So konnte man es diese Woche landauf landab lesen. Die WHO hat erklärt, dass aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse verarbeitete Fleischerzeugnisse als "karzinogen für Menschen" gelten muss. Damit stehen Würste in einer Reihe z.B. mit Tabak und Asbest als krebserzeugende Stoffe, was die Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse über ihre Karzinogenität betrifft.

Die WHO bezieht sich dabei auf die Arbeit der IARC (International Agency for Cancer Research), einer Unterorganisation der WHO. Im Fall der Würste sind "22 Experten aus 10 Ländern" zu den wurstkritischen  Erkenntnissen gekommen, nachdem "über 800 Studien" geprüft worden seien.

Aber was ist von dem wissenschaftlichen Vorgehen der WHO/IARC zu halten? Zuerst einmal muss man feststellen, dass es sich nicht um eigene Forschung handelt, sondern um eine so genannte Metastudie. Es wurden also hunderte von Studien aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Methoden gesichtet, verwurstet und dann kam man zum bahnbrechenden Erkenntnisse, dass der zusätzliche tägliche Konsum von 50 g Wurst zu einer Erhöhung des Darmkrebsrisikos um 18% führe. Eine Erhöhung des Risikos um 18% beim zusätzlichen Konsum von 350 g Wurst pro Woche ist nicht gerade die Welt. Denn wohlgemerkt heisst dies ja nicht, dass 18% der Bevölkerung zusätzlich an Darmkrebs erkranken, sondern lediglich  dass das (insgesamt geringe) Risiko an Darmkrebs zu erkranken für den einzelnen leicht ansteigt.

Dies stellt die IARC erstmal so als Behauptung in die Öffentlichkeit, denn die eigentliche Studie ist noch gar nicht einsehbar. Diese soll erst im Band 114 der IARC Monographen veröffentlicht werden. Man wird lediglich auf einen etwas ausführlicheren Artikel in der Fachzeitschrift Lancet  verwiesen, wo einige weitere Details zu finden seien. Aber auch dort findet man nicht viel mehr an Informationen. Hinsichtlich der gewählten Methode wird lediglich ausgeführt, dass

"Für die Evaluation wurde das grösste Gewicht auf prospektive Kohortenstudien gelegt, welche in der Allgemeinbevölkerung durchgeführt wurden." (übersetzt)

Im Klartext geht es also um Studien, die mittels Fragebogen über Jahre hinweg die Ernährungsgewohnheiten einer Stichprobe der Bevölkerung erheben. Es wird dann später ein statistischer Zusammenhang mit möglicherweise auftretenden Krankheiten berechnet. In diesem Fall wurde also festgestellt, dass Personen, die per Fragebogen angaben, verarbeitete Fleischprodukte verzehrt zu haben eine statistisch leicht höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen an Darmkrebs zu erkranken als Personen, die solche Nahrungsmittel nicht verzehrt hatten.

Was es dabei zu bedenken gilt ist:

  1. Die Studien, die miteinander in einem Topf verrührt werden, verwenden sehr unterschiedliche Studiendesigns, Stichproben, Fragestellungen und Methoden. Ein Vergleich ist zwar nicht unmöglich, aber äusserst schwierig.
  2. Es wird lediglich ein statistischer Zusammenhang hergestellt. Das ist nicht zu verwechseln mit einem ursächlichen Zusammenhang. Das Ergebnis der Studien besagt also nur, dass wer viele Wursterzeugnisse verzehrt ein gering höheres Risiko für Darmkrebs hat. Ob dies tatsächlich an der Wurst liegt oder an anderen damit einhergehenden Faktoren bleibt unklar. Es könnte ja z.B. sein, dass Wurstesser typischerweise auch stärkere Raucher sind oder mehr Alkohol trinken oder weniger Sport betreiben oder höheres Übergewicht haben etc. Man kann zwar durch statistische Analysen einen Teil dieser Faktoren wieder herausrechnen ("kontrollieren"). Es gibt aber viel zu viele solcher möglicher beeinflussender Faktoren, um wirklich sicher zu sein, denn das menschliche Ess- und Sozialverhalten ist extrem komplex und lässt sich nur äusserst schwer in statistische Gleichungen zwingen.
  3. Das Krebsrisiko könnte tatsächlich an der Wurst liegen, aber nicht unbedingt am verarbeiteten Fleisch. Es ist durchaus denkbar, dass gewisse Zusatzstoffe wie Salz oder Konservierungsmittel für den Darmkrebs kausal sind. Damit wäre aber dann nicht die Wurst an sich schuld, sondern eben z.B. ein zu hoher Salzkonsum oder Konsum an bestimmten anderen Stoffen, die eben in der Wurst sind aber auch tausendfach anderswo eingesetzt werden. Eine Warnung vor Wurstwaren macht dann auch überhaupt keinen Sinn mehr, da die Gefahr im Kern ja überall lauert. 

Der von der IARC errechnete statistische Zusammenhang ist überdies insgesamt sehr schwach. Es ist also keinesfalls vergleichbar zur Situation beim Rauchen, wo tatsächlich gezeigt werden kann, dass rund 90% der Lungenkrebsopfer auch Raucher sind oder waren.

Alles in allem bleibt der Verdacht, dass es der WHO nur darum ging einen PR-Coup zu landen und wieder einmal die Fleischkonsumenten an den Pranger zu stellen. Schliesslich passt es ja ganz wunderbar in das derzeitige Klima der Political Correctness und des Nanny States, denn den Verzehr von Fleisch zu vermindern, wenn nicht ganz zu verbieten, ist ja auf der politischen Agenda vieler gutmeinenden grün-linken Politiker.

Doch so leicht sollte man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen: Wer tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Fleisch und Krebs beweisen will, muss deutlich bessere wissenschaftliche Studien vorlegen. Ein schwacher statistischer Zusammenhang, gerechnet mittels einer zweifelhaften Metastudie sollte niemanden vom Bratwurstgrill weglocken.


Freitag, 9. Oktober 2015

Ziviler Ungehorsam zur Durchsetzung liberaler Politik? (Buchbesprechung)

By the People: Rebuilding Liberty without Permission - so lautet der Titel des neuesten Buches von Charles Murray, eines amerikanischen Professors, der derzeit für den liberal-konservativen Think-Tank American Enterprise Institute arbeitet. Murray hat schon eine ganze Reihe politischer Bestseller veröffentlicht, darunter die Bell Curve, welche den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Klassenstruktur analysiert.

Murray diagnostiziert in seinem aktuellen Buch By the People korrekt, dass der "regulatorische Staat" seit Beginn des 20. Jahrhunderts völlig ausser Kontrolle geraten ist. Millionen von Seiten an Vorschriften regulieren jeden Aspekt des Lebens eines durchschnittlichen Amerikaners, sei es Zuhause, am Arbeitsplatz oder als Unternehmer. Eine Diagnose, die sicher auf Europa ganz genauso zutrifft. Es sind Behörden und Verwaltungsvorschriften, die oftmals kaum einer oder nur sehr eingeschränkter gerichtlicher Kontrolle unterliegen, welche Bürgern und Firmen das Leben zur Hölle machen können. Die Politiker sind nicht willens oder nicht in der Lage, diese Welle an Bürokratie aufzuhalten oder gar zurückzudrängen. Zu viele Personen leben inzwischen direkt oder indirekt vom regulatorischen Staat, um diesen noch mittels des normalen politisch-parlamentarischen Prozesses zurückzubinden. Liberale, libertäre oder konservative Anti-Etatisten können selbst in den USA lediglich circa 10% der Abgeordneten auf ihrer Seite zählen. Eine Minderheit, die kaum legislative Schlagkraft entwickeln kann.

Daher schlägt Murray eine neue Strategie vor: Ziviler Ungehorsam gegen Vorschriften, die willkürlich und gegen den gesunden Menschenverstand gerichtet sind. Strategische Missachtung von Regularien, die Individuen und Unternehmer sinnlos gängeln. Murray möchte hier selektiv vorgehen: Natürlich müsse man sich an Gesetze halten, die sinnvoll das menschliche Zusammenleben regeln. Vorschriften gegen Mord, Raub, Diebstahl und Betrug etc. sind selbstverständlich weiter einzuhalten. Auch Steuern müssten bezahlt werden, um den Eindruck zu vermeiden, dass die Boykotteure lediglich ihren monetären Vorteil suchen. Boykottiert werden sollen dagegen all die Vorschriften, die nichts positives erreichen, sondern nur den Bürger an der kurzen Leine führen. Als Beispiele nennt Murray Regeln, die den Zugang zu Berufen einschränken, deren Ausübung keine Gefahr für andere Personen darstellen kann. Weiterhin zählt er Regularien, die die freie Nutzung von Landeigentum einschränken dazu, aber auch Vorschriften die Personen davon abhalten Risiken für ihr eigenes Leben einzugehen, z.B. Verbote von Extremsport sowie einige weitere Vorschriftskategorien.

Seine wesentliche Prämisse ist, dass der regulatorische Staat nicht in der Lage ist, mit massenhaftem Boykott umzugehen. Personal und Ressourcen genügen nicht, um mit einer Flutwelle von kleinen Regelverletzungen umzugehen. Dazu kommt, dass Murray im nächsten Schritt die Gründung eines "legal defense funds" vorschlägt, der in jedem Einzelfall die Rechtsstreitigkeiten möglichst durch alle Instanzen übernimmt. Murray nennt diese Organisation den "Madison Fund", ein Name, der sich auf den amerikanischen Staatsmann und Mitautor der US-Verfassung James Madison bezieht. Neben der Unterstützung der Boykottbewegung in rechtlichen Fragen soll der Madison Fund die Öffentlichkeit suchen, um in der Bevölkerung um Unterstützung für die "Opfer der Bürokratie" zu werben.

Das Ziel dieser Strategie liegt darin, grosse Teile der bürokratischen Vorschriften, welche die amerikanische Gesellschaft lähmen, faktisch nicht mehr durchsetzbar zu machen. Langfristig soll damit massiver Druck in der politischen Klasse und im Rechtssystem aufgebaut werden, um Vorschriften abzubauen und die gesamte Gesellschaft zu entbürokratisieren. Eine breit abgestützte Boykottbewegung werde der ganzen Gesellschaft vor Augen führen, welch unsinnige und kontraproduktive Regularien die Gesellschaft im Würgegriff halten. Murray ist keinesfalls ein Gegner jegliche staatlicher Institutionen. Es geht im darum, den Staat und sein Vorschriftenwesen wieder auf die essentiellen Bereiche zurückzubinden, die für Sicherheit und Freiheit der amerikanischen Bürger erforderlich sind.

Murray ist davon überzeugt, dass seine Strategie zumindest Teilerfolge erzielen kann. Dies auch vor dem Hintergrund, dass übergreifende gesellschaftliche Trends in die Hände der Freiheitsbefürworter spielen. Dazu zählt er die zunehmende kulturelle Diversität der US-Gesellschaft aber auch die immer weitere Verbreitung des Internets. Beide Trends führen dazu, dass Bürokraten mit ihrem starren Regelsystem auf Widerstand stossen und öffentlich entlarvt werden. Dazu kommt, dass die Transparenz des Internet staatliche Regulierung in vielen Bereichen vollkommen überflüssig macht. Kollektive negative Kundenwertungen im Internet ziehen heute ein fehlerhaftes Produkt viel schneller aus dem Markt als es eine Überwachungsbehörde leisten kann.

Wäre Murrays Strategie auch in Europa, in Deutschland oder der Schweiz anwendbar? Sicher ist jedenfalls, dass seine Diagnose auf Europa genauso zutrifft: Liberale Kräfte sind politisch-parlamentarisch viel zu schwach, um die allmächtige Bürokratie in Europa aufzuhalten. Bezweifelt werden darf aber, dass die gezielte Missachtung von Vorschriften im obrigkeitshörigen Deutschland mit allzu grosser Sympathie in der Bevölkerung rechnen könnte. Es gibt sicher einige Bereiche, wo die Bürokratie solch offensichtlich unsinnige Blüten treibt, dass die Bürger einen Boykott unterstützen würden (man denke nur an die Vorschriften zur maximal erlaubten Krümmung von Gurken durch die EU), in der Breite wäre aber eine Unterstützungswelle eher unwahrscheinlich. Aus meiner Sicht führt kein Weg an einer langfristigen, ideologischen Auseinandersetzung mit staatsfixierten politischen Theorien vorbei, die das Bewusstsein in der Bevölkerung für den Wert liberaler Ideen schärfen. Dies kann in der lokalen Initiative für eine Privatschule geschehen oder bei den grossen wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Die Grünen und die 68er-Bewegung hat allen vor Augen geführt, welche Ergebnisse ein langfristig und tiefgreifend angelegter Ideologiekampf erzielen kann. Die Ergebnisse von 40 Jahren ideologischer Wühlarbeit der diversen sozialen, grünen und linken Bewegungen mag uns Liberalen nicht gefallen, aber ihrer Effektivität sollten wir Respekt zollen und sie als Vorbild nehmen. Ziviler Ungehorsam gegen unsinnige staatliche Bürokratie kann in einer solch langfristig angelegten Strategie durchaus ein sinnvolles Element sein. Als alleinige Strategie wird sie nicht funktionieren.